Predigt zu Weihnachten
von Pfarrer Frank Holzbrecher


(zu Matthäusevangelium 1, 18-25)

Liebe Gemeinde am Weihnachtsfeiertag,

Heilig Abend - das ist doch immer wieder ein ganz besonderer Abend. Einfach anders, als andere Abende. Ein Abend, der für uns voll ist mit Erinnerungen:
Ich versuche manchmal zurückzudenken, wie es war, das allererste Weihnachten, an das ich mich erinnern kann. Das war faszinierend, geheimnisvoll. Denken Sie doch auch mal zurück an Ihr erstes Weihnachtsfest, wie war das damals ?
Der Schmuck spielt ja in der Erinnerung manchmal eine große Rolle. Schon vor Weihnachten ging es los, mit dem Adventskranz und einer Weihnachtspyramide von der DDR-Oma, die mit vier Kerzen am Drehen gehalten wurde, Hatten Sie auch schon so einen Lichterbogen aus dem Erzgebirge im Fenster, damals ? …

Der Schmuck zu Weihnachten prägt sich uns ein, gerade bei diesen ersten Weihnachtsfesten in der Kindheit. Ich habe einige Bilder gesehen von früheren Weihnachtsfesten hier im Ort vor 20 oder 30 Jahren, da waren damals anscheinend nicht nur Strohsterne im Baum. Lametta habe ich gesehen und silberne Kugeln, manchmal auch rote und silberne gemischt, wie bei uns zuhause, bei meinem ersten Weihnachten. Haben sie auch noch die alten Glaskugeln in Erinnerung ? Glänzende mit kräftigen Farben: rot und grün. Oder matte Kugeln, mit einer fremdartig rauen Oberfläche, so eine Art Schnee-Imitation ?

Bei Oma durften wir eigentlich nur an den Festtagen in das Wohnzimmer mit dem Baum, das wurde sonst nicht geheizt und die Sesselbezüge aus Samt sollten nicht abgenutzt werden. Vor Heiligabend war sogar abgeschlossen, damit wir nicht vorher an die Geschenke gehen konnten.
Wenn Sie in den Weihnachtsraum mit dem Baum dann hinein durften, haben Sie als kleines Kind vielleicht daran hochgeblickt, an dem Baum und gestaunt wie ich? So was stand glitzendes und beeindruckendes stand ja nur Weihnachten im Wohnzimmer. Und da war er, der geschmückte Weihnachtsbaum, mit Kerzen aus Wachs auf angezwickten silbernen Kerzenhaltern bei uns - oder mit Glühbirnchen einer Kerzenimitationslichterkette – meine Patentante und Oma hatten so eine ähnliche wie die in unserer Kirche. Damals in der 60er Jahren war ich als Kind beeindruckt, diese Lichterkette war etwas ziemlich modernes. Aber die Kerzen rochen besser und man konnte mit dem Wachs „Kügelchen kneten“ spielen.

Gefunkelt hat er mein erster Baum, sowohl der meiner Patentante als auch der bei uns daheim war ziemlich voll mit Lametta, das war gerade in. Es musste so aussehen als hätte es silbern geschneit, so wie der Schnee manchmal im Sonnenlicht ein klaren und eiskalten Wintertags strahlt. Und überall Kerzen und Lichter, die das noch verstärkten: Da war er, der Baum, der Weihnachtsbaum und ich sage Ihnen ohne Übertreibung, ich weiß es noch ganz genau, der Baum war beeindruckender als die Geschenke darunter. Die Geschenke wurden erst später wichtig für uns Kinder, erst nachdem sich die Bewunderung für den geschmückten Baum bei uns Kindern gelegt hatte.
Meine Oma wusste das, dass wir Kinder so sehr auf den Baum achteten und deshalb gehörte zum Baum immer auch eine Krippe die Krippe mit den Figuren, Maria, Joseph, das Kind, die Hirten, die Weisen aus dem Morgenland und vor allem aus meinem Spielbauernhof aus Plastik jede Menge Tiere, die eigentlich nicht zu unserer Krippe passten. Ihr war die Weihnachtsgeschichte wichtig an Weihnachten, und deshalb musste der prächtige Weihnachtsbaum immer bei der Krippe stehen – sozusagen als Wegweiser für die Kinder zu dem worum es eigentlich bei all dem prächtigen Schmuck geht.

Wir sind älter geworden: Erinnern Sie sich an den Heiligen Abend als Schülerin als Jugendlicher? Als Sie ganz genau wussten, was sie sich gewünscht haben, aber das Traumgeschenk lag dann doch nicht unterm Weihnachtsbaum? Bei uns gab es da auch mal Krach, ab und zu. Wir fühlten uns schon längst zu alt zum Vorflöten oder Gedichte aufsagen. Zwischendurch gab es mal eine Tuja als Weihnachtsbaum – wegen den vielen Nadeln. Die roch aber blöd und unweihnachtlich. Lametta war irgendwann aus der Mode gekommen und die Christen schmückten viel mit Strohsternen und wollten eher einen grünen Baum statt einem glitzernden. Kerzen waren zu gefährlich, wegen der Weihnachtsbaumbrände – das hatte mein Onkel schon damals vorhergesagt in der sechzigern. Die Tiere aus dem Plastikbauernhof waren bald auch nicht mehr zu Maria und Josef und der Krippe dazugestellt worden.

Durch die Jahre haben wir den Heiligen Abend immer wieder neu erlebt: Das erste Mal zusammen mit dem Freund oder der Freundin, das erste Christfest in der eigenen Wohnung als Ehepaar; das erste Mal, bei dem Sie das eigene Kind beschenkt haben, das erste Mal, wo Ihnen das Kind aus eigenem Antrieb etwas zu Weihnachten schenkte. Alle Jahre wieder; alle Jahre anders, alle Jahre das Fest des Weihnachtsbaums, der Kerzen, der Lichter, des hellen Scheins und des Gotteskindes in der Krippe.

Wir erinnern uns an den Schmuck zu Weihnachten, die glitzernden Lichter und das Lametta, oder an den grünen Baum und die Strohsterne, eben an das, was uns geprägt hat, ob nun bei unserem eigenen ersten Weihnachten, oder zu einem späteren Zeitpunkt. Und doch war das allererste Weihnachtsfest, dieses erste Fest ja völlig schmucklos, nicht wahr ?

Auf all dies, was die Weihnachtsgeschichte bis heute ausschmückt könnte man eigentlich verzichten, zumal das Ereignis damals sicher alles andere als prächtig und leuchtend war im stinkigen Stall: kein Bett, keine Heizung, kein frisches Wasser, nur Dunkelheit, Armut und Schmutz. Da war kein Schmuck, und geleuchtet hat es nur innerlich.
Man könnte also den Schmuck auch ganz weglassen, wie das in der 80er Jahren ja manche Gemeinden schon gemacht haben, wegen der Umwelt, wegen den Armen in der dritten Welt, wegen der Ungläubigkeit und Friedlosigkeit der Menschheit. Lenkt das alles nicht nur ab von der eigentlichen Geschichte um die es an Weihnachten geht: Gott kam zur Welt als Jesuskind in der Krippe? Sollen wir nicht aufspringen und die Ablenkung des Lamettas vom Baum reißen – weg mit dem Schmuck, holt die Leiter – nur die Krippe bleibt stehen ….

Doch halt ihr Christinnen und Christen, wir haben ja noch gar nicht über die Bibeltexte gesprochen. Wir haben ja keine Reportage, keine Zeitungsnotiz oder Fernsehübertragung über das Weihnachtsgeschehen von unseren Vorfahren bekommen, wir haben nichts außer diesen Bibeltexten und unserem Glauben. und so müssen wir, bevor wir mit der uralten Tradition des Weihnachtsschmuckes brechen, erstmal auf die biblischen Texte lauschen. Und die sind nicht alle schmucklos, diese Weihnachtsbibeltexte, schon gar nicht die Weihnachtsgeschichte des Lukas. Himmlische Heerscharen singen Ehre sei Gott in der Höhe, Hirten und Schafherden machen sich auf zum Stall in der Davidsstadt Bethlehem und der Engel Gottes glitzerte, leuchtete und strahlte so sehr in der Finsternis, dass die Hirten vom Lichtschock angstvoll die Worte hörten: Fürchtet euch nicht ! Und auch die Jesajatexte sind nicht schmucklos, wenn das Licht in der Finsternis hell scheint, der Löwe beim Lamm liegt und der Gottessohn Gottheld, Wunderrat, Ewigvater und Friedefürst genannt wird – reine Poesie, wie ein wunderbares kindliches Weihnachtsgedicht. Und wenn wir die Augen zu diesen Worten schließen, dann kann es schon etwas oder ziemlich glitzern in unseren weihnachtlichen Gedanken und Vorstellungen. Lauschen Sie doch: Wunderrat, Friedefürst, Licht in der Finsternis… Doch unser Predigttext heute ist der schmuckloseste und nüchternste aller Weihnachtstexte, der Bericht des Evangelisten Matthäus: „Mit der Geburt von Jesus Christus verhielt es sich so“, das erinnert fast an den Rechenschaftsbericht des Vereinsrechners bei einer Generalversammlung. Ganz praktische Gedanken hatte er der Josef, in aller Stile sich von der schwangeren Maria trennen – damit es keinen Skandal gibt im Ort, aber mer will der Maria ja auch nichts schlechtes und ihrem unehelichen Kind vom Heiligen Geist auch nicht. Machen wir doch mit diesem trockensten Text zu Weihnachten die Probe aufs Exempel, gehört der Schmuck für den eher nüchternen und unpoetischen Evangelisten Matthäus dazu oder nicht ?

Der Engel erschien Josef im Traum und sprach mit den Worten Jesajas: Eine Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen, den werden sie Immanuel nennen und der Name bedeutet „Gott steht uns bei“. So schlicht und nüchtern der weihnachtliche Text des Matthäus auch daherkommt, auch er ist geschmückt, geschmückt mit einem Zitat, dass den Menschen damals die Ohren klingen ließ, wenn sie an die vollmundigen Prophezeiungen Jesajas erinnert wurden, Immanuel, Wunderrat, Friedefürst, und geschmückt mit dem Engel Gottes der Josef im Traum die Weisung Gottes überbringt und geschmückt im folgenden Kapitel mit dem Stern der die Weisen aus dem Morgenland zur Krippe des Gotteskindes Jesus führte. Schon bei den frühsten Zeugen, bei den frühsten Juden und Christen gehört der Schmuck dazu und ist das Werkzeug mit dem auf das eigentlich wunderbare, das eigentlich wichtige, auf das eigentlich ganz und gar andere hingewiesen wird: Auf die Geburt Gottes als Christkind im Stall. Und nur diese Frage ist an jeden Weihnachtsschmuck zu stellen, helfen die Kerzen der Botschaft, dient der Glanz und Glitter dem Evangelium, weist der Lamettabaum auf die Krippe hin – oder ist das Glitzern schon der Inhalt des Weihnachtsfestes ?

Omas Lametta am Baum, liebe Christengemeinde, wies mich auf die Krippe, trotz der Plastik-Schweine- und Plastik-Kühe- war klar: Es ging um das Jesuskind in der Krippe, und nicht um Glitzer und Geschenke. Als wir das erste Mal den Lamettabaum mit der Krippe darunter sahen waren wir überrascht, begeistert, erfüllt und der Mund stand uns vor Staunen offen. So werde ich aber wohl auch dastehen, wenn der Tag kommt, an dem Gottes Herrlichkeit sich endgültig durchsetzt, wenn unsere Hoffnung auf Jesus Wirklichkeit wird und wir Jesus selbst sehen: überrascht, begeistert, mit offenem Mund..

Und der weihnachtliche Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne wie Jesus es wollte. Amen