Osterzeit in unseren Gemeinden ...


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Ostern ohne Karfreitag …?


Karfreitag ist der dunkelste Tag im Kirchenjahr. Schon die äußeren Zeichen weisen darauf hin: Verbreitet ist zum Beispiel die Sitte, dass die farbigen Paramen und die Tischdecken am Altar entfernt werden und statt Blumen Dornen zur Erinnerung an die Dornenkrone aufgestellt werden. In anderen Gemeinden geht man noch viel weiter: Die Kerzen sind abgeräumt. Auf oder über dem Altar erblickt die Gemeinde nur das Kreuz. Während sonst das festliche Geläut der Kirchenglocken zum Gottesdienst ruft, sollte es an diesem Tag schweigen. Vielerorts erklingt auch die Orgel nicht und die Gemeinde singt ohne Begleitung oder gar nicht.
Manche Mitchristen, die aus anderen Regionen zu uns gezogen sind, wundern sich deshalb über unsere Traditionen in Undenheim und Friesenheim. „Bei uns zuhause gab es in der Kirche am Karfreitag nie viel Musik“, sagte ein neu gewählter Kirchenvorsteher, „und warum ist hier der Gottesdienst denn erst nachmittags an diesem Tag?“

Nun, unsere beiden Kirchengemeinden folgen seit langem der alten Tradition, am Karfreitag an die in der Bibel mit „zur dritten Stunde“, also ungefähr 15 Uhr, angegebene Todeszeit von Jesus zu erinnern. Auch Musik am Karfreitag hat eine lange Tradition seit der Reformation, denken Sie nur an die großen Passionsvertonungen von Johann Sebastian Bach und anderen. Die Praxis des Karfreitags wird eben nicht überall gleich durchgeführt; manche evangelische Gemeinden handhaben sie strenger, andere zurückhaltender. Letztlich entscheiden das die gewählten Kirchenvorstände und berücksichtigen dabei vor allem, dass der Gemeinde der besondere Charakter des Karfreitags so nahe gebracht wird, wie es dem Empfinden der Menschen in diesen Orten entspricht.

Denn ganz gleich, wo man heute den Gottesdienst besucht: Man spürt schon, dass dieser Feiertag einzig dasteht im Kirchenjahr. Einige behaupten sogar, der Karfreitag sei für die evangelischen Christen der höchste Feiertag überhaupt. Das ist aber nicht so; der höchste Feiertag ist für uns theologisch gesehen Ostern, das Fest der Auferstehung, so wie für alle anderen christlichen Konfessionen auch. Das hat auch nichts damit zu tun, dass Weihnachten das beliebteste christliche Fest ist und vermutlich auch bleiben wird, trotzdem ist Ostersonntag der höchste christliche Feiertag.
In meiner Jugend hatte der Karfreitag übrigens auch noch außerhalb des Gottesdienstes seinen eigentümlichen Charakter; und ich finde es sehr schade, dass er diesen Charakter zunehmend verliert. Ob bei meiner Oma in Hessen oder in Oberbayern im Internat: Es war ein ganz stiller Tag, mit einem besonderen Ernst und einer gedämpften Atmosphäre. Das Radio spielte nur getragene Klassik, sportliche und gesellschaftliche Veranstaltungen waren untersagt, die Menschen verhielten sich still. Zu essen gab es kein Fleisch, wer wie ich eine Fischallergie hatte, bekam Spiegeleier mit Spinat oder einen Vegetarischen Gemüseauflauf.
Ich mochte diesen Tag mit seiner verhaltenen Melancholie selbst nicht besonders, schon weil mir das still sein schwer fiel, denn schon damals habe ich eher viel und laut geredet, wie die meisten späteren Pfarrer und Pfarrerinnen. Aber ich fand immer schon, dass dieser Tag einfach dazugehört, noch mal viel Ruhe und Besinnlichkeit vor dem Osterfest, das durch den Kontrast ja noch mal gewinnt, wie man bei den Kindern gut beobachten konnte.
Einige Freunde von mir hielten die Atmosphäre schon damals nur mit Mühe aus und wollten ihn abschaffen, den schrecklichen Karfreitag. Sie werden heute vielleicht darüber erleichtert sein, dass sie heutzutage dem Karfreitag problemlos aus dem Weg gehen können; alternative Angebote gibt es ja genug. Ob die Kinder heute aber das gleiche Ostern erleben können wie wir früher, das bezweifle ich, für heutige Kinder ist es viel schwieriger das bunte Osterfest im Dauerrummel der bunten Feste als etwas besonderes zu erkennen. Viele Kinder kriegen vom Karfreitag und der ganzen Passionszeit doch gar nichts mit, außer im Religionsunterricht. Da fehlt dann eben doch der Kontrast Karfreitag zum Osterfest. Deshalb, lasst uns doch beides auf seine Art feiern, den dunklen Karfreitag und das bunte Osterfest. Gottes belebenden Segen wünscht Ihnen

Ihr
Pfarrer Dr. Frank Holzbrecher