Die letzten rheinhessischen Zuckerrüben …

Nicht mal im Urlaub kamen wir von der Zuckerrübe los, an der Strasse, die wir meist entlangfahren, in der Nähe von Worms stehen sie noch in langen grünen Reihen: Die letzten rheinhessischen Zuckerrüben. Von der Hitze Ende Juni noch ganz schlapp sind die Zuckerrüben bei uns jetzt ohne Zukunft, denn wegen der neuen europäischen Zucker-marktverordnung (ZMO) dürfen sie unseren Bauern und ihren Familien nicht mehr den Lebensunterhalt sichern helfen. „Die ZMO macht ohne Not, uns’re gesunden Betriebe tot!“ steht auf dem einsamen Holzschild im Zuckerrübenfeld. Die Zuckerrüben sicherten vielen das Einkommen und das Überleben des Betriebs und mit dem Verschwinden der rheinhessischen Zuckerrübe werden wohl viele bäuerlichen Betriebe schließen müssen. Vor allem dann, wenn keine Hilfe kommt von der Regierung, die beim Rohrzuckerimport nachgab, um den deutschen Industrie-Export nicht zu gefährden – ein klassisches „Bauernopfer“. So billig, wie brasilianische Großgrundbesitzer mit ihren Tagelöhnern, kann man bei uns keinen Zucker produzieren. Was aber soll stattdessen angebaut werden, Getreide und Wein sind ausgereizt – Raps für Bio-Diesel ?

Allein gelassen von der Politik und auch von der Bevölkerung fühlen sich die Landwirte. Es arbeiten ja nicht mehr so viele Menschen in der Landwirtschaft wie früher, im plötzlich ausgebrochenen Wahlkampf fallen da bei über 5 Millionen Arbeitslosen ein paar hundert landwirt-schaftliche Betriebe weniger nicht besonders ins Gewicht.
Doch ist das wirklich alles? Wollen wir wirklich unser rheinhessisches Ackerland mit dem fruchtbarsten Boden ganz Deutschlands in Industrie-, Neubaugebiete oder Brachlandgebiete verwandeln? Die Fruchtbarkeit muss ja schon bewahrt werden durch die Arbeit der Landwirte, die schöne Landschaft mit Wingert und Feld gepflegt wer-den. Also brauchen wir auch zukünftig Menschen die auf dem Land arbeiten und vom Land leben. „Bewahrung von Gottes Schöpfung“ (1.Mose1, 28) bedeutet deshalb für uns jetzt auch, notfalls auf den Strassen mit unseren Landwirten für das Überleben der bäuerlichen Betriebe einzutreten.
Gottes stärkenden Segen wünscht Ihnen

Pfarrer Frank Holzbrecher
Aufgrund verschiedenster Beschwerden und Gerüchte im Zusammenhang 
mit der Reform der Zuckermarktverordnung 
veröffentlichen wir hier die folgende Klarstellung:

•	EKHN-Kirchenpräsident Dr.Peter Steinacker hat sich in einem 
offenen Brief entsprechend an die betroffenen Landwirte in unserer 
Region gewandt. Ebenso Landrat Klaus Schick und die BürgermeisterInnen
unserer Region (siehe weiter unten)

•	Die Evangelische Kirche subventioniert keine Konkurrenten 
der deutschen Zuckerrübenbauern mit Entwicklungshilfe. Auch der 
Evangelische Entwicklungsdienst unterstützt nicht die am Export 
orienierte, großflächige Zuckerproduktion in Brasilien.

•	Die Position des Evangelischen Entwicklungsdienstes zur 
Zuckermarktordnung stellt keine Position der gesamten Evangelischen Kirche 
dar, ist auch innerhalb der Kirche kontrovers. Der Propst für Rheinhessen
 und die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau 
wie auch Kirchenrätin Dr.Heinke vom „Evangelischen Dienst auf dem Land“ 
vertreten hier eine andere Auffassung, ebenso die Dekanatsebene.

•	Auch der Evangelische Entwicklungsdienst wurde genau wie 
das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit unberechtigt 
auf der Postkarte „EU-Zucker kann tödlich sein“ genannt, sie waren beide 
daran nicht beteiligt. Die Organisation „German-watch“ wurde vorher 
in anderen Zusammenhängen von beiden Ämtern gefördert, nicht aber bei 
dieser Kampagne.

•	Obwohl wir das Schreiben der Kirchenleitung grundsätzlich begrüßen, vertreten 
wir jedoch zu einer Aussage auf Seite 2 eine abweichende Meinung. Wir glauben 
nicht, dass die bisher bestehende EU-Zuckermarktordnung pauschal als ungerecht 
gegenüber den Entwicklungsländern zu beurteilen ist.
Wie im Brief erwähnt, bevorzugte die 2006 auslaufende Zuckermarktordnung 
nicht nur den EU-Binnenmarkt, sondern auch ganz massiv die 
Afrika-Karibik-Pazifik-Staaten (AKP), die gegenwärtig mit die 
allerschlimmste Armut auf der Welt zu erdulden haben. Die 
wesentlichen Zuckerexporteure, die von der EU-Reform profitieren werden, 
sind aber entweder eher wohlhabend (Australien) oder gehören zu den 
sogenannten „Schwellenländern“ bzw. „Tigerstaaten“ (Thailand, Brasilien). 
Obwohl es in den beiden letztgenannten Ländern zweifellos verbreitet Armut 
gibt, kann im Blick auf die katastrophalen Verhältnisse in den AKP-Staaten 
hier nicht von echter Ungerechtigkeit gesprochen werden, im Gegenteil: Wir 
befürchten, dass die Reform gerade die ärmsten Zuckerproduzenten in den 
AKP-Staaten ihrer Entwicklungsmöglichkeiten beraubt ohne den Menschen in 
Brasilien -abgesehen von einer wohlhabenden kleinen Minderheit – 
wirklich zu mehr Einkommen zu verhelfen.

Die Forderungen der Kirchenleitung der EKHN, unterstützen wir gleichwohl:  
•	dass gerade die ärmsten Staaten der Welt Marktzugang erhalten müssen – 
das wären dann allerdings die AKP-Staaten und nicht die Zuckerweltmarktführer 
Brasilien, Australien und Thailand 
•	dass nicht nur bei uns soziale und ökologische Standards in der 
landwirtschaftlichen Produktion eingehalten werden müssen, was gegenwärtig 
z.B. in Brasilien überhaupt nicht der Fall ist 
•	und dass es keine „einseitige Exportorientierungen zu Lasten der 
Eigenversorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln“ in der Zukunft geben darf.
  
In diesem Sinne werden wir Sie bei Ihren Aktivitäten auch aktiv unterstützen, 
so gut es uns möglich ist, das ist im Sinne unseres christlichen Glauben, sowohl
 hinsichtlich der Gerechtigkeit gegenüber den Ärmsten der Welt als auch 
hinsichtlich der Bewahrung von Gottes Schöpfung.

Pfarrer Frank Holzbrecher
und Kirchenvorstände Undenheim/Friesenheim



 
„Landwirte brauchen eine gerechte Chance“
Kirchenpräsident kritisiert Reformpläne 
zur EU-Zuckermarktordnung: 


Mit einem Brief an die Bauern wirbt die EKHN 
um Verständnis für das schwierige Verhältnis 
von Mitgliedersolidarität und Entwicklungshilfe

Darmstadt, 26. Juli 2005. Mit einem Brief hat sich der 
Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), 
Dr. Peter Steinacker, an die Zuckerrübenbauern gewandt und darin zur 
geplanten Reform des EU-Zuckermarktes Stellung bezogen. Der Brief wird 
in diesen Tagen über die Evangelischen Pfarrämter den Landwirten 
zugestellt. Betroffen sind etwa 3100 Betriebe im Kirchengebiet der EKHN, 
zu dem mit der Wetterau, Rheinhessen und Südhessen wichtige 
Zuckerrübenanbaugebiete gehören.

Kritik an der Entwicklungshilfe der Kirche
Steinacker reagiert mit dem Brief auf Kritik aus den Reihen der Landwirte, 
die der Evangelischen Kirche vorwerfen, sie zeige zu wenig Solidarität mit 
ihnen und ihrer schwierigen Lage. Evangelische Entwicklungshilfeorganisationen 
hatten die handelverzerrenden Maßnahmen der EU auf dem Zuckermarkt schon lange 
als ungerecht gegenüber den Zuckerrohrbauern in anderen Ländern kritisiert. 
Die EU plant nun eine rund 40-prozentige Reduktion des in der EU 
festgesetzten Mindestpreises für Zucker, der bislang etwa dreimal 
höher gehalten wird als der Weltmarktpreis. Diese Reform sieht allerdings 
sehr schnelle Änderungen ohne ausreichende Übergangsfristen für die heimischen 
Landwirte vor. Das könnte etwa einem Drittel der Betriebe, die bisher Zuckerrüben 
anbauen, die finanzielle Grundlage rauben.

Kirche im Dilemma zwischen Sorge um Mitglieder und Prinzipien der Gerechtigkeit
Mit dem Brief warb Steinacker bei den Landwirten um Verständnis dafür, dass 
die Kirche ein breites Aufgabenspektrum habe, das sie aus dem biblischen Auftrag 
ableite. Dazu zähle in besonderer Weise die Begleitung 
ihrer Mitglieder und deren Angehöriger. 
Dafür engagierten sich die örtlichen Kirchengemeinden und 
- speziell für die Landwirte - der 
evangelische „Dienst auf dem Lande“. Gleichzeitig habe die Kirche 
auch andere Aspekte zu 
berücksichtigen, die mit dem Dreiklang „Frieden, Gerechtigkeit 
und Bewahrung der Schöpfung“ 
beschrieben würden und die an Länder- oder Kirchengrenzen 
nicht Halt machten. Dazu gehöre es 
auch, „Ungerechtigkeiten, etwa durch handelsverzerrende Maßnahmen, zu benennen“.

Steinacker: Gerechte Chance für Landwirte in der EU
In dem Brief bekräftigte Steinacker, dass Änderungen unausweichlich seien, denn 
„die bisherige EU-Zuckermarktordnung ist gegenüber den Entwicklungsländern ungerecht.“ 
Gleichzeitig forderte Steinacker: „In Deutschland muss der Strukturwandel allerdings so 
gestaltet werden, dass dabei nicht nur Einkommensmöglichkeiten entfallen sondern neue 
entwickelt werden. Bei den anstehenden gravierenden 
Veränderungen treten wir auch politisch 
dafür ein, dass Ihnen, den Zuckerrübenbauern, angemessene Anpassungszeiträume und 
zukunftsorientierte Umstrukturierungshilfen gewährleistet werden. 
Als Landwirte brauchen Sie eine gerechte Chance, gut 
durchgeplant auf die neuen Rahmenbedingungen 
reagieren zu können.“ 

Ziel: Umsetzung der Menschenrechte für möglichst alle
Steinacker wies darauf hin, dass die geplanten Maßnahmen nicht 
automatisch zu mehr Gerechtigkeit 
führen werden. Zur gerechteren Gestaltung der 
globalen Agrarhandelsbedingungen gehöre zentral, dass 
in den Entwicklungs- bzw. Schwellenländern - wie 
zum Beispiel beim Zucker-Weltmarktführer Brasilien - 
angemessene soziale und ökologische Standards bei der 
landwirtschaftlichen Produktion eingehalten 
würden. Ziel aller entwicklungspolitischen Maßnahmen müsse 
„die Umsetzung der Menschenrechte für 
möglichst alle“ sein. Einfache gerechte Lösungen gebe es 
hier nicht, sondern Kompromisse seien 
notwendig, schrieb Steinacker den Landwirten. 


Hintergrund: Zuckermarkt
Die EU sichert derzeit den Zuckerrübenbauern Preise, die deutlich 
über den Weltmarktpreisen liegen. 
Da die EU einen Überschuss produziert, exportiert sie derzeit im großen Maßstab Zucker auf 
den Weltmarkt unter dem Produktionspreis. Gleichzeitig schottet sie ihren Binnenmarkt mit 
sehr hohen Schutzzöllen ab. Dies nimmt Bauern in anderen Ländern Entwicklungsmöglichkeiten.
Laut EU-Beschluss sollen ab dem Jahr 2009 die 49 „am wenigsten entwickelten Länder“ dieser 
Erde einen Zugang zum EU-Zuckermarkt erhalten. Hinter diesen rechtlichen Verpflichtungen 
steht das Konzept „Handel statt Almosen“.

Weitere Informationen und den Wortlaut des Briefes finden Sie unter 
www.ekhn.de

Fachliche Rückfragen beantwortet Dr. Maren Heincke, Referentin für Landwirtschaft im EKHN-Zentrum für Gesellschaftliche Verantwortung, unter 06131/28744-47 Darmstadt, 26. Juli 2005 Verantwortlich: gez. Pfarrer Stephan Krebs, Pressesprecher Resolution der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister des Landkreises Mainz-Bingen, des Landrates und der Kreisbeigeordneten zur geplanten Reform der Zuckermarktordnung - beschlossen am 21. Juli 2005 – 1. Die Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker aus Rheinhessen haben am 19.05.2005 eine „Erklärung zur Zukunft der Region Rheinhessen“ unterzeichnet. In dieser Erklärung ist auch ein Bekenntnis zur Landwirtschaft und zum Weinbau in unserer Region enthalten. 2. Die Zuckermarktordnung in ihrer jetzigen Form wird Mitte 2006 auslaufen. Geplant sind drastische Preiskürzungen von rd. 40 %. Viele landwirtschaftliche Betriebe wären bei einer Umsetzung der Reform trotz der geplanten Ausgleichszahlungen in ihrer Existenz bedroht. 3. Damit sind tausende von Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft und in der Zuckerindustrie in Gefahr. Betroffen wären auch die soziale Struktur unserer Gemeinden und das gesamte dörfliche Leben. 4. Die Anwesenden solidarisieren sich ausdrücklich mit unseren Landwirten und ihren Familien. Sie fordern, dass die unumgänglichen Maßnahmen auf die betriebliche Situation und die regionale Struktur Rücksicht nehmen. 5. Sie fordern weiterhin, dass unserer Landwirtschaft neue Perspektiven geboten werden, Arbeitsplätze erhalten bleiben und die regionale Identität Rheinhessens gesichert wird. Für die Kommunen im Landkreis Mainz-Bingen gez. gez. Klaus Penzer Claus Schick Bürgermeister Landrat Vorsitzender der GStB-Kreisgruppe