Was habe ich mit dem Kirchendach zu tun?…?
von Horst Kiehl


Kennen Sie das?
Sie waren unterwegs und kommen nach Hause - egal, ob sie auf der Arbeit waren, aus dem Urlaub zurückkommen, Freunde besucht haben oder nur einfach mal schnell einkaufen gewesen sind. Sie fahren durch die rheinhessische Landschaft: mit Weinreben bestandene Hügel soweit das Auge reicht. Rechts und links immer wieder mal ein kleines Dorf, meist zuerst am Kirchturm zu erkennen. Und dann taucht in der Senke Friesenheim auf. Zuerst sind die beiden markanten Kirchturmspitzen zu erkennen: gleich sind sie daheim! Noch ein Stück die Gaustraße entlang, dann in die Hauptstraße abbiegen. Der Blick fällt auf die evangelische Kirche; für viele führt der Weg zwischen den beiden Kirchen hindurch, die sich seit weit über hundert Jahren gegenüberstehen - und vielleicht gerade deshalb zusammen gehören. Sie sind angekommen: Zuhause, in Friesenheim.

Klingt Ihnen das zu sehr nach Kitsch? Nach Postkartenidylle? Nach "früher war alles besser"?
Mag sein, dass das so klingt, und wahrscheinlich wäre ich nie auf den Gedanken kommen, es so zu formulieren und aufzuschreiben. Vermutlich deshalb, weil es seit über zwei Jahrzehnten für mich selbstverständlich ist, so nach Hause zu kommen. Vielleicht geht es Ihnen ja genauso: weil es selbstverständlich ist, merkt man es nicht. Trotzdem würde es einem fehlen, wenn es nicht so wäre.
Mir jedenfalls würde es fehlen, wenn es nicht mehr so wäre - wenn der Heimweg nicht auf den letzten Metern zwischen den beiden Kirchen hindurchführen würde. Diese Art, nach Hause zu kommen, ist mir etwas wert. Und deswegen werde ich dazu beitragen, dass das so bleibt. Und ich hoffe, dass Sie das auch tun werden. Dass auch für Sie dieses Gefühl von Heimat einen Wert darstellt, den Sie sich und anderen erhalten möchten.

Jetzt kommt der schwierige Teil: Diesen Wert dauerhaft zu erhalten kostet Geld. Konkret geht es im Moment darum, dass die Sanierung des Kirchendaches noch nicht vollständig finanziert ist.
Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass die Erhaltung der Kirche aus den Einnahmen der Kirchensteuer zu finanzieren sei. Ein perfektes Argument!
...fast...
Wenn da nicht die Gefahr bestünde, dass auch auf Seiten der Kirchenverwaltung irgendwann die Frage gestellt werden muss, ob sich der Erhalt der Kirche "noch rechnet". D. h., dass die Aufwände für die Erhaltung des Gebäudes (die ja auf den Euro genau bekannt sind) dem Nutzen gegenübergestellt werden. Und an dieser Stelle würde der Wert, den die Kirche für mich (und hoffentlich auch für Sie!) hat, gar nicht berücksichtigt werden können.
Ich will hier nicht schwarz-weiß malen und behaupten, dass die Kirche dem Verfall ausgesetzt wird, wenn das Kirchendach jetzt nicht durch Spenden mitfinanziert werden kann. Das Dach wird saniert, ob Sie und ich nun unseren Teil dazu beitragen oder nicht. Mein Gefühl von Heimat (das zum Teil eben auch durch die Kirche ausgedrückt wird) ist also nicht "in Gefahr". Trotzdem werde ich meinen Anteil dazu beitragen, dass auch in 20, 50 oder 100 Jahren Menschen, die teilweise heute noch nicht geboren sind, die Heimkehr genauso genießen können, wie ich das jeden Tag tun kann.
Es würde mich freuen, wenn sie sich meiner Sichtweise anschließen könnten. Und bitte auch der Handlungsweise - indem auch Sie einen Beitrag leisten.

Horst Kiehl

PS: Sie haben sich vielleicht gewundert, dass in diesem Artikel zwar viel von der Kirche die Rede ist, Religion jedoch nicht erwähnt wird. Das ist kein Zufall. Man muss nicht evangelisch sein, um die evangelische Kirche in Friesenheim erhalten zu wollen. Man muss nicht mal Gemeindemitglied sein. Es genügt, wenn man sich bewusst macht, dass allein das Vorhandensein dieses Gebäudes einen Wert für die Menschen, die rundherum leben, darstellt. Und für einen selbst.

Ob Sie unsere Kirche als Kulturdenkmal vor allem erhalten wollen, weil sie darin geheiratet haben und ihre Kinder taufen ließen oder - wie in meinem Fall - als sichtbaren Bestandteil ihrer Heimat erhalten möchten, macht keinen großen Unterschied. Wenn alle das gleiche Ziel unterstützen, spielt die persönliche Motivation doch eigentlich kaum noch eine Rolle. Oder?