Die Evangelische Kirche in Friesenheim

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Zusammengetragen, aufbereitet, erzählt und illustriert von Andreas KLINK, 1999


Hier geht's zu einem virtuellen Rundgang durch die Evangelische Kirche Friesenheim
Kontakt wegen Führungen für Gruppen: Adolf Bleser 06737 9651

Nach den letzten Renovierungs- / Modernisierungsarbeiten im Jahr 1999 und der Einweihung am 24.10.1999 sind wir auf gutem Wege unsere Kirche für das vor uns liegende Jahrhundert / Jahrtausend fit gemacht zu haben. Durch die abschließenden Konservierungsmaßnahmen der Fenster mit den Malereien erstrahlt sie glanzvoll, wie in früheren Zeiten. Besucherinnen und Besucher erfreuen sich an der Illumination, die durch die Leuchtkraft der Farben entsteht, und uns scheinbar in eine Zeit längst vergangener Tage versetzt.
Zum Einstimmen haben wir unsere kleine Festschrift ins Internet gestellt, die Sie durch eine Zeitreise durch die Geschichte unserer Kirche begleiten soll.

Kirche Friesenheim Als Grundlage für die Recherche dienten die Pfarrchronik, Aufzeichnungen von damaligen Pfarrern, die Bodenheimer Zeitung ( Rheinfront ), Oppenheimer Kreisblatt (Landskrone), Fotos, Postkarten, Erzählungen von Gemeindemitgliedern, Ausarbeitungen zu Fensterkonservierung und Malereien sowie deren Bedeutung. Der Verfasser versucht in erzählender Form einen kurzweiligen, einnehmenden Eindruck von kleinen Ausschnitten der damaligen Gegebenheiten erlebbar zu greifen.
Viel Freude beim Entdecken...

"Wir treten mit unserer Berichterstattung in das Jahr 1885 ein und erkennen alsbald, daß wir am Neujahr dieses Jahres nicht ahnten, welche Wege der Herr uns darin zu führen gedenke. Trotz gegenseitiger Rücksichtnahme und Simultanrechte zur Nutzung der Kirche wurde im letzten Jahr der allseitige Wunsch rege sich zu trennen und eine neue evangelische Kirche zu bauen. Die hohe Kirchenbehörde sehe ebenfalls eine etwaige Trennung gerne und leitete die Verhandlungen ein... Um allseitigem Bedürfnis zu entsprechen kaufte man die schon zum Abriß bestimmten Häuser vis a vis der alten Kirche, und der gerade Flucht wegen ebenfalls nochmals 5-6 Klafter von der Hofraithe des Nachbarn. Nachdem alle Verträge am 16. März 1885 unterzeichnet und am 28.April 1885 genehmigt zurück kamen, wurde alsbald am 09. Mai das Schauergerüst aufgestellt und am Montag, den 11. Mai 1885 der erste Spatenstich vorgenommen sowie am 28. Mai 1885 feierlich der Grundstein gelegt. Das Oppenheimer Kreisblatt / Landskrone berichtete hierzu : Es war eine große Anzahl von Gemeindemitgliedern und auch der kath. Konfession erschienen, mit den Besuchern zusammen über 1500! Anwesende. KirchenfensterF Es wurde ein Gebet gesprochen, Lobet den Herrn gesungen und nach dem Segen die Fundamente gegraben: Es war ein erhebender Anfang mit unserem Kirchbau getan worden. Der Bau wurde von Professor Schmidt, München geleitet, der zur Zeit auch Baumeister an der Katharinenkirche war. Dann kam viel Müh und Arbeit, aber auch so manche Stunde der Freude: Die äußere Seite der Mauern wurde aus Oppenheimer Kalksteinen in viereckiger Form, die inneren Seiten mit Dexheimer Kalksteinen und der restliche Innenbereich mit Flonheimer Sandsteinen gestellt. Im Oktober 1885 wurde der Rohbau fertiggestellt, am 18. November das Kreuz gestellt. Am 10. Mai 1886 wurde die große Martinsglocke mit Luthers Bildnis und am 11. Mai die kleine Paulusglocke mit dem biblischen Spruch „Alles was ihr bitten werdet in meinem Namen, so ihr´s glaubet, werdet ihr empfangen. Die Fenster wurden in der Glasmalerei von Beiler in Heidelberg gemalt und wie in Aussicht gestellt, so wurde der Bau mit großem Eifer betrieben, so daß derselbe im Sommer 1886 als vollendet bezeichnet werden konnte. Es war eine Freude, wenn man sah, wie so viele Hände in den Monaten Juni, Juli und August des Jahres sich so geschäftig rührten. Die Einweihungsfeier war dann auf den 22. September 1886 anberaumt : Dazu erging auch ein einfacher Veröffentlichungstext in der Oppenheimer Kreiszeitung/Landskrone: Am 22. September 1886 werden wir, so der Herr will unsere neue Kirche einweihen. Die Feier wird des Morgens um 9 Uhr beginnen. Wir laden zu diesem Feste alle Freunde und Bekannte ein! Gez.: Der ev. Kirchenvorstand. Leider war uns das Wetter nicht hold. Am Abend des Vortages bewölkte es sich und es fing an zu blitzen und zu donnern. Am Morgen unseres Festtages erhellte sich das Gewölk aber leider nur für ganz kurze Zeit; um 8 Uhr fing es wieder an zu regnen und hielt so bis gegen Abend an. Trotzdem war der Zudrang zur Festeinweihung groß, immerhin waren aus allen umliegenden Gemeinden viele gekommen. Vom Schulhof aus ging der Zug nach der alten Kirche, in welcher ein Abschiedswort gesprochen wurde, nachdem die Gemeinde einen Choral gesungen hatte. Von hieraus setzte sich der Zug in Bewegung, vorne die Schuljugend mit ihrem Lehrer, dann die Festjungfrauen mit dem Schlüssel auf einem Kissen und drei prachtvollen Blumenbouquetts, dann die geistlichen Herren, der Kirchenvorstand, der Gemeinderat. Nach Übergabe des Schlüssels und Öffnen der Kirche wurde alsbald am Anfang des Gottesdienstes das Weihwort in einer herzlichen und allen Anwesenden ansprechender Weise verkündet. Es war geschafft. Die evangelische Kirche Friesenheim war eingeweiht. Übrigens wurden am Ausgang nach dem festlichen Einweihungsgottesdienst 390! Besucher in der Kirche gezählt – das ist Rekord, bis heute. Neben diesem Ereignis gab es 1886 noch eine Besonderheit in Friesenheim: Wir erhielten ein eigenes Postamt mit eigenem Poststempel.
Die vorherige Abbildung zeigt unsere Kirche und stammt von einer Postkarte, die wahrscheinlich am 10. Januar 1903, vormittags, im Friesenheimer Postamt mit eigenem Stempel verschickt wurde.
Unterbrechen wir unsere Zeitreise durch die Vergangenheit für einen Augenblick und wenden uns nun den Fenstern mit den Malereien und ihren Bedeutungen zu.
Im folgenden jeweils eine kurze Erklärung zu den einzelnen Fenstern. Numerierung gemäß der Originalskizze aus der Pfarrchronik von Pfr Ludwig Jost von 1886

I.
Das Chorfenster, darstellend den Cruzifix zu dessen beiden Seiten Maria und Johannes angebracht sind.
II.
Hier ist der Apostel Petrus dargestellt, die evangelische Lehre mit den Worten predigend: „Herr wohin sollen wir gehen, du allein hast Worte des ewigen Lebens...„
III.
Apostel Paulus ebenfalls predigend: „So halten wir dafür, daß der Mensch gerecht werde nicht durch des Gesetzes Werk, sondern durch den Glauben...„


IV.
Das Fenster stellt den Herrn Jesu in 3fach verschiedener Form dar: 1. Jesus, das Wasser zu Cana segnend. (Darstellung des Sakraments der heiligen Taufe) 2. Jesus, das Brot des heiligen Abendmahles segnend. (Darstellung des Sakraments am Altar) 3. Jesus mit dem Purpurmantel und der Dornenkrone. (Darstellung des Hohenpriesters)
V.
Darstellung der Kirchengeschichte und ihren Reformatoren Johannes Huß, Dr Martin Luther, Johann Calvin. Betrachten wir dieses Bild vor dem Hintergrund der Geschichte und der Bedeutung für die Kirchengeschichte etwas genauer:
Hier werden drei bedeutende Gestalten aus der Kirchengeschichte herausgegriffen, die sich deutlich im Widerspruch zu Rom auf die heilige Schrift berufen haben.
Johannes Hus der als Professor an der Prager Universität und als Prediger in der dortigen Bethlehemskirche in eindrücklichen Worten gegen die „Sünden des Klerus„ gegenüber dem tschechischen Volk protestierte und so Anhänger für eine Reform der Kirche zu gewinnen versuchte. Er berief sich unter anderem auch auf die Schriften von Wiclifs, eines Engländers, der sich unter Bezugnahme auf die heilige Schrift gegen die Hierachie in der Kirche und gegen den Papst wandte. Huß wurde trotz Zusicherung freien Geleits durch den Kaiser auf dem Konstanzer Konzil (1415) als Ketzer verbrannt.
KircheInnenF Für Luther, der auf der Leipziger Disputation ( 1519) zugab, einige Thesen als christlich und gut zu bewerten und weiter ausführte, daß das Konstanzer Konzil sie zu unrecht verbannte, war das der Anlaß seine Stellungnahmen und Lehre noch deutlicher aus dem Evangelium heraus zu entwickeln.
Calvin wurde Schüler Luthers, entwickelte seine Glaubensvorstellungen aber selbständig. Seine Lehre breitete sich in etlichen Gegenden Deutschland aus und wurde auch in der Kirche Kurpfalz bestimmend, der damals auch viele rheinhessische Gemeinden, wie zum Beispiel auch die Mehrheit der Evangelischen aus Undenheim und Selzen angehörten. In Rheinhessen wurde durch die Union im Jahre 1824 aus den reformierten und lutherischen Gemeinden, Evangelische Gemeinden. Friesenheim war davor eine lutherische Gemeinde.

VI.
Kaiser Wilhelm, als deutscher (weltlicher) Repräsentant der Evangelischen Kirche der (damaligen) Gegenwart.
VII.
Gustav Adolph als Beschützer und Förderer des Evangelischen Glaubens in der Vergangenheit.
VIII.
Vorbereitung und Hinweisung auf den Herrn: 1. Der Prophet Jesaia. 2. Simeon mit dem Jesukindlein. 3. Johannes der Täufer.
IX.
Hinweis auf das alte Testament: 1.Abraham. 2. Moses mit der Gesetzestafel. 3. David mit der Lyra.

Fast zu jedem Fenster wurde damals etwas gespendet und so von einer Vielzahl von Gemeindemitgliedern ein persönlicher Bezug hergestellt, etwas beigetragen zu haben.
Bis heute vergingen viele Jahre, die unter anderem auch geprägt waren von dem Leid aus zwei Weltkriegen, für viele von uns „Jüngeren„ nur schwer zu erahnen. Die Kirche wurde verschönert, es gab erste Renovierungsarbeiten, auch Modernisierung stand an. Es wurde ein Gemeindehaus (Jugendheim) gebaut und zuletzt standen auch mehrere Reparaturen an; der Zahn der Zeit nagt unaufhörlich an allem. Vor zwei Jahren wurde uns dann im Kirchenvorstand bewußt, daß die Fenster mit Rahmen , Malereien und Einfassungen einer genaueren fachkundigen Begutachtung bedurften. Schnell wurde uns klar, daß dies eine lange und große Kraftanstrengung für unsere kleine Gemeinde bedeuten würde. Aber aus Respekt vor unseren Vorfahren und ihrer letztendlich für uns heute noch greifbar erbrachten Leistung, nahmen wir uns fest vor einen langen Atem zu behalten. Unterstützt wurden unsere Bemühungen glücklicherweise durch den Umstand, daß die Kirchenverwaltung unserem Projekt, die evangelische Friesenheimer Kirche möglichst im Originalzustand zu erhalten ausdrücklich unterstützt und als förderungswürdig erachtet wurde sowie die Einstufung des Projektes durch die „Landesdenkmalpflege„ als nichtstaatliches Kulturdenkmal!
Der Weg war nun vorgezeichnet: Die Erhaltung im Originalzustand mußte mittels der sogenannten Konservierung erfolgen.
Kleiner Exkurs aus den Anmerkungen zu den Glasmalereien der Ev. Pfarrkirche in Friesenheim
Die ev. Kirche in Friesenheim besitzt heute noch die originale Verglasung aus ihrer Erbauungszeit. Es handelt sich dabei um figürliche Glasmalereien, die teilweise von Ornament- und Flechtbandfenstern umrahmt und ergänzt werden. Angefertigt wurden die Scheiben in der Werkstatt H. Beiler in Heidelberg. Heinrich Beiler besaß zu dieser Zeit ein florierendes Atelier, das zahlreiche Kirchen- und Profanverglasungen in Südwestdeutschland anfertigte.
Auch die Katharinenkirche in Oppenheim besitzt beispielsweise Glasmalereien aus der Werkstatt Beiler. Insbesondere im sakralen Bereich lehnen sich viele Entwürfe von Beiler stilistisch an die Bildschöpfungen nazarenischer, mehr noch an die neugotischer Künstler an. Insofern können seine Glasmalereien als typisch gelten für die Zeit des Historismus zu Ende des vergangenen Jahrhunderts. Die Glasmalereien in Friesenheim wurden musivisch, das heißt sie wurden aus farbigem, bemalten und gebrannten Glasstücken zusammengesetzt ( im Gegensatz zu sogenannten Glasgemälden, bei denen mit farbigem Lot auf weiße Gläser gemalt wurden). Auch dies zeigt, das hier in historischer Weise versucht wurde, an die Technik des Mittelalters anzuknüpfen. Die Maltechnik der figürlichen Teile ist ungewöhnlich fein und qualitätvoll! Auf mundgeblasenen Echt-Antikgläsern liegen kräftige Schwarzkonturen und ein sorgfältig gewischter Überzug. Um diese Farbschichten dauerhaft zu fixieren, waren mehrere Brennvorgänge notwendig. Die Glasauswahl ist typisch für die Entstehungszeit. Neben den bereits erwähnten Echt-Antikgläsern verwandte man in großem Umfang sogenannte Tischkathedralgläser in verschiedenen Farben, dieser Glastyp war erst wenige Jahre zuvor in England erfunden worden. Er zeichnet sich durch eine unregelmäßige Lichtbrechung aus, mittels derer man sich dem optischen Eindruck nach den meist stark korrodierten mittelalterlichen Gläsern nähern zu können. Zusätzlich aufgetragene Patina sollte die neugotischen Kirchen mit einem dämmrigen und zugleich doch schillernden Licht erfüllen. Die erwähnten eingebrannten Farbschichten zeigten ernste Erhaltungsprobleme. Durch die zunehmende Luftverschmutzung und die stärkere Beheizung der Kirchen gelangen zusammen mit Regen und Schwitzwasser zahlreiche Schadstoffe auf die empfindliche Glasoberfläche. Dies führt dazu, daß die eingebrannten Malschichten porös werden und nicht mehr ausreichend auf den Gläsern haften. Abhilfe gegen diese zunehmende Zerstörung schafft der Einbau einer belüfteten Schutzverglasung, die dafür sorgt, daß weder Regen- noch Schwitzwasser auf die originalen Scheiben treffen kann. Diese Schutztechnik nennt man Konservierung und dient dazu, diesen Originalzustand der Scheiben und Malereien auch für die Zukunft weiter erhalten zu können.
Kirche Friesenheim Zurück in die Historie und noch einiges Interessantes rund um die Evangelische Kirche:
„ Auch die Turmuhr sollte uns nicht fehlen. Aus eigenen Mitteln konnten wir eine solche aber nicht in Besitz bekommen, daher ließ sich auch hier eine edle Gesinnung finden, die zu helfen wußte. Es ist diese in der Gemeinde Geinsheim zu suchen, die 3 Jahre zuvor eine neue Kirche samt neuer Turmuhr erbaute und die bis dahin in Betrieb befindliche war noch vorhanden. Nach 2 Dienstreisen und Anträgen wurde diese der Ev Kirchengemeinde Friesenheim schenkweise überlassen. Da aber noch eine Reparatur in Höhe von ca. 200,- Mark ausstand und wir dazu nicht in der Lage waren, wird dieses noch einmal vertagt.
3 Jahre später (1889): Von der Aufstellung der Turmuhr mußten wir nach dem sachverständigen Urteile eines Uhrmachers aus Groß-Umstadt absehen, da der Turm zu eng sei...„ Daher wurde umgehend ein Orgelbau geplant und von einer Turmuhr war seitdem nichts mehr gehört...

In der Ausgabe vom 28.111931 der sogenannten Bodenheimer Zeitung dankt die Ev. Kirchengemeinde herzlich einem ungenannten Spender für die hochherzige Schenkung eines prächtigen und wertvollen Kronleuchters aus Bronze zur Ausschmückung des schönen Dorfkirchleins.

Mit dem Termin des alten Kirchweihfestes zu früheren Zeiten wollen wir schließen. Eigentlich sollte unsere Kirche ja am 01. September eingeweiht werden, allerdings mußte dieser Termin krankheitsbedingt durch damaligen Superintendenten aus Mainz mehrfach verschoben werden und wurde dann ja am 22.09.1886 „erfolgreich„ durchgeführt. In der Folge feierte man das Kirchweihfest (Kerb) über lange Jahre am 2. Septemberwochenende... vielleicht ja eine Überlegung für die Zukunft...

Nachträge:

Aus der Urkunde des Grundsteines: Nach der Glaubensspaltung wurde die damalige Kirche Simultankirche. Das bedeutete gemeinsame Nutzung zu gleichen Rechten und Pflichten zwischen Katholischen und Lutherischen. Als solche wurde sie wahrscheinlich im Jahre 1740 „eingeweiht".

Mittelalter:
Schon um 1380 war Friesenheim eine Pfarrei, in der 1395 ein Pfr Dillmann als Zeuge einer Beurkundung vorkam. Es gab eine Kirche, die der heiligen Walpurgis geweiht war, das ist die heutige Katholische Kirche in Friesenheim.

Danke für die bereitgestellten Materialien und Informationen sowie deren Freigabe an Frau Hauff, Herr Marschall, Herr E. Püschel, Frau Hahn, Herr H. Tornier, Herr V. Bernhard, Dr. Ivo Rauch